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21. Februar 2011 / markushaenni

Suizid – ein Lebensbericht

Option offen

Ich hatte einen arbeitsreichen Tag hinter mir, als ich die Bürotüre schloss und in Richtung Bahnhof lief. Mitten in der Rushhour überkam mich unversehens ein unsanftes, ätzendes Reizgefühl in den Atemwegen. Die Respiration stockte erlahmend und der Atem roch abstoßend nach Eisen. Unaufhörlich füllte sich mein Mund mit Blut. Nichts desto trotz stieg ich verunsichert in den Zug. Da ich auf keinen Fall Aufmerksamkeit erwecken wollte, setzte ich mich bei den Türen hin. Dort war die unmittelbare Personenzahl unbeträchtlich. Während der 20minuten-Fahrt schluckte ich das Blut in einem bejammernswerten, kippeligen Zustand stets hinunter. Der Magen brannte fürchterlich und mein Allgemeinzustand war in einer gehörig desolaten Lage. Zu Hause hingelahmt, telefonierte ich dem Arzt und wurde notfallmäßig ins Spital eingewiesen.

Ich habe schon einige Zeit im Spital verbracht, da ich einen Gendefekt habe, der vor allem die Lunge beeinträchtigt. Somit stehe ich solchen Stresssituationen besonnen gegenüber. Diesmal lautete die Diagnose “Arterienriss“. Es folgten 4 erschöpfende Eingriffe und mein Spitalaufenthalt zog sich mit Komplikationen und Verbesserungsstillstand resp. –Rückschlägen  in die Länge. 3 Monate lang lag ich völlig ausgemergelt und mit permanenten Pleuritischen Schmerzen auf der Pneumologie. Ich wurde mit intravenösen Medikamenten voll gepumpt und war völlig auf die Hilfe von Dritten angewiesen.

Die behandelnden Ärzte suchten immer wieder nach der optimalsten Behandlungsmethode und passten die Medikation dem Verlauf ständig an. Meiner Freundin wurde diese Bürde zu schwer und sie brach unsere Beziehung vorwarnungslos und überhastet per Telefon ab. Ausgerechnet an diesem Tag kam der Chefarzt auf Visite und erläuterte mir, dass sie aus medizinischer Sicht nun jedes erdenkliche Register gezogen hätten. Er verdeutlichte mir, dass die Medizin hier ihre Grenzen fände und wir jetzt mit der gegenwärtigen Behandlung nur noch auf Besserung hofften.

Da fiel bei mir der Groschen. Denn schon seit einiger Zeit spielte ich mit dem Gedanken, warum ich mir das noch antue und entschloss mich, ohne jegliches Bekümmernis, diesem Spuk ein Ende zu setzen. Während der folgenden Leidenstage suchte ich in der Bibel erpicht nach Ausreden, welche es in Krisensituation erlauben, dem Leben eigenhändig ein Ende zu setzen. Ich besprach diese Obliegenheit mehrmals mit einem mir bekannten Pfarrer. Dies tat ich kaschiert in der Drittperson. In meinen Gedanken debütierte ein intensiver Prozess nach der besten und der angenehmsten Methode. Als wäre es nicht schon schlimm genug, besuchten mich in dieser Zeit -völlig unabhängig voneinander- acht Personen. Die einen berichteten mir, dass sie sich diese Prozedur nie bieten lassen würden und bei ihnen in einem solchen Fall bereits alles mit der Sterbeorganisation Exit abgesprochen wäre. Die anderen erzählten, dass Suizid ein persönliches Freiheitsrecht ist und sie sich von einer Brücke stürzen würden. Eine verwandte Person brachte mir sogar einen Prospekt der Sterbehilfsorganisation Dignitas. Sinnesverwirrte Christen verurteilten meine Unvollkommenheit und eruierten den Fehler mit dem Vorwand, ich hätte mir dies vor der Geburt selbst ausgewählt. Sie waren verschroben der Überzeugung, dass meine unerkannten “Sünden“ daran schuld seien. Auch wenn diese Worte in einer übersteigerten Form von Begrenzung entsprangen, so bin ich mir sicher, dass diese Äußerungen und Vorschläge lediglich Ausdruck einer verzweifelten Hilflosigkeit dieser Leute waren.

Zugegeben, ich konnte diese Gesinnung in meiner damaligen Situation verstehen. Ich suchte ja selbst nach dem bequemsten und schnellsten Ausweg aus dieser vermeintlich aussichtslosen Lage. Bis mir eines Tages eine Pflegeperson völlig aus dem Zusammenhang gerissen die Lösung brachte, als wir über die Wirkung einer spezifischen Elektrolyt-Ampulle sprachen. (wegen der Nachahmungsgefahr möchte ich hier keine näheren Angaben machen.)

Da war die Sache geritzt: Jetzt musste ich bloß noch an diese Medikation kommen, was sich im Nachhinein erstaunlicherweise als viel zu einfach erwies. Ich verabreichte mir eigenhändig diese Substanz und die Wirkung setzte null Komma nichts ein. Sofort waren Symptome wie enormes Brennen in der Brust oder eine Zungenlähmung, gefolgt von Bewusstseinschwankungen zu spüren. Danach war Stille.

Nicht durch lebensrettende Sofortmassnahmen konnte ich am Leben gehalten werden, sondern viel mehr durch die unermessliche Überfülle eines gewaltigen Schutzengels. Was geschehen war, war absolut übernatürlich. Mindestens 3 solche Personen, wie mich, hätte diese Dosis ums Leben bringen sollen, war die Botschaft der behandelnden Ärztin. Medizinisch gab es für dieses Geschehen absolut keine plausible Erklärung. Als noch kurioser empfand ich es, als der Oberarzt mit der Bibel unter dem Arm in mein Zimmer kam und berichtete, er habe letzte Nacht einen Bibelspruch für mich gefunden. Oder als er nach der Visite im Zimmer blieb und fragte ob er für mich beten dürfe. Daraufhin legte er mir die Hand auf und betete. Viele Personen waren der Ansicht, dass ich einen besonderen Schutzengel haben muss, ich noch eine Aufgabe zu erfüllen habe, es noch nicht Zeit zum Sterben ist oder dass jemand mich noch hier haben möchte.

Vier Wochen nach dieser Begebenheit konnte ich das Spital unter adäquater Weiterbehandlung, aber immer noch in einem beachtlich desolaten Zustand, verlassen. Der Genesungsprozess verlief schleppend. Aber kontinuierlich verbesserte er sich. Mehrmals die Woche musste ich in die Nachuntersuchung und in die Psychotherapie. Ich durchlief in einem rasanten Tempo sehr komplexe Prozesse und die Gesundheit brachten wir dank aufwendiger und zeitraubender Behandlung innert einem Jahr in etwa wieder auf den vorherigen Stand.

Was war passiert? Ich war doch immer so hart im Nehmen. Das Fass überlief. Plötzlich brauchte es meine ganze Kraft, nur damit ich im Bett aufsitzen konnte und das Angewiesensein auf Hilfe von Dritten empfand ich als menschliche Höchstleistung des Aushaltens. Das Tabu in unserer heutigen Gesellschaft hat sich meines Erachtens verlagert: Nicht mehr das Sterben, sondern Ohnmacht, Leiden und Kreatürlichkeit sind tabuisiert. Ich fragte mich, welches Sterben ist menschenwürdig? Warum bin ich gegen aktive Sterbehilfe? Heißt das Motto: Lebenshilfe statt Sterbehilfe?

Während den Erkrankten ihre zunehmende Schwäche irgendwann im Loslassen hilft, leiden Angehörige gleichgradig mit. Spiritualität bezeichne ich nun als Erfahrung, die so tief berührt, dass sie ergriffen macht. Ich bin überzeugt, bei einigen muss noch im Sterben das innere Kind aus dem lebenslangen seelischen Gefängnis befreit werden, überhaupt zum Leben erwachen, um damit sterben zu können. Sind es schlussendlich nicht die eigenen Leiderfahrungen und die eigene Bewusstwerdung, welche zu Empathie und Mit-Aushalten befähigt?

In Todesnähe sind wir unserem Unbewussten generell nahe. Doch wir sind eine Wohlstandsgesellschaft und unsere Permissivität gegenüber Euthanasie ist der Versuch, sich dem letzten Abschnitt von Leben und vom Leiden gar nicht auszusetzen.

Wo ein Mensch im Kern seiner Erlösungsbedürftigkeit ankommt, öffnen sich Perspektiven für eine Wandlung. Doch an seiner eigenen tiefen Wahrheit und an sich selbst kommt kein Sterbender vorbei. Keine Stunde ist ungeschminkter, intimer und konsequenter als die Stunde des Sterbens.

Gott ist eines der zentralen Themen am Sterbebett, in seiner Wichtigkeit etwa vergleichbar mit dem Aushalten von Ohnmacht oder mit der Sorge um die Zukunft der Liebsten. Mein Glaube ist, dass wir nicht tiefer fallen können als in Gottes Hand, aus der uns nimmer und nichts nehmen kann. Auch das bewusste ausschließen dieser offenen Option -dem Leben selbst ein Ende zu setzten-, hält mich fest.

Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
Dietrich Bonhoeffer (1906 – 1945)

Option offen – Dieser Artikel ist 2009 im ICF Bern Magazin publiziert worden

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