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7. März 2011 / markushaenni

Begegnung fremder Kulturen mit der Schweiz

Mit wenig Gepäck unterwegs

Jeden Tag, ob im Zug, Bus oder in der Stadt, treffen wir auf  Menschen aus unterschiedlichen Kulturen. Man sieht es ihnen meistens leicht an, dass sie aus einem anderen Land stammen, sei es wegen ihrer Hautfarbe, der Bekleidung oder wegen ihrem Benehmen, das uns manchmal als fremd erscheint und oft eine komische Wirkung auf uns hat. Dies ist jedoch noch lange kein Grund, die uns fremden oder einfach etwas anderen Sitten als schlecht zu interpretieren. Vor allem ältere Leuten bekunden eher Mühe, z.B. Afroamerikaner in ihrem Umfeld zu akzeptieren. Aus Angst vermeiden sie den Kontakt und gehen lieber auf Distanz zu den ihnen nicht geheuer erscheinenden Personen. Jedes Mal, wenn ich so ein Ereignis im Zug, Bus oder Tram beobachte, hoffe ich, dass die so übergangene Person nicht alles wahrnimmt. Denn einer fremden Person auszuweichen und zu spüren zu geben, dass sie hier fremd ist, muss sehr schmerzhaft sein und kann durchaus ein moralisches Tief auslösen. So habe ich auch schon erleben müssen, dass es aus solchen Gründen zu Gewaltakten gekommen ist. Weil kein richtiges Gespräch stattfindet, fehlt das gegenseitige Verständnis. Wir wissen ja nicht, was die MigrantInnen in ihrem Ursprungsland alles erlebt haben. Bei uns sind sie plötzlich mit einem hohen Lebensstandard konfrontiert, von dem sie bisher nur träumen konnten, der aber für uns verwöhnte Schweizer längst als selbstverständlich hingenommen wird. Das soziale Gefälle, oder anders gesagt, die ungleiche Verteilung der Ressourcen und Chancen werden einen so richtig bewusst. Dass dies zu Überforderung, Frustration, Wut auf der einen, Verunsicherung und Angst vor Verlusten auf der andern Seite führt, wundert einen nicht. Der Umgangston wird bald einmal hässig und arrogant. Die Fronten verhärten sich, Gewalttätigkeiten, Raubüberfälle, Diebstähle oder Vandalismus prägen den Alltag.

Kann man uns vorwerfen, wir würden ImmigrantInnen nicht korrekt behandeln? Wollen wir nur ausländische Personen in unserem Land dulden, die mithelfen, unseren hohen Lebensstandard zu erhalten und wenn möglich noch zu erhöhen, uns aber ja nicht zur Last fallen. Diesbezügliche Forderungen aus radikalen Kreisen sind uns bestens bekannt. Grundsätzlich bin ich jedoch der Meinung, dass vor allem der älteren Schweizer Generation nicht pauschal Ausländerfeindlichkeit unterstellt werden darf. Viele von unseren älteren Menschen sind geprägt, von dem was sie alles erlebt haben. Sie mussten zum Teil ganz bös unten durch um überhaupt überleben zu können. Im internationalen Vergleich sind wir SchweizerInnen geradezu ausländerfreundlich. Unser sehr hoher Ausländeranteil spricht da eine deutliche Sprache. Zudem leben wir in einer direkten Demokratie; die StimmbürgerInnen haben so entschieden. In welchem Land kann das Volk so direkt mitentscheiden? Auf der anderen Seite muss klar festgehalten werden, dass wir in vielen Bereichen auf die Leistungen von den ausländischen Arbeitskräften angewiesen sind. Wenn wir ehrlich sein wollen, sind wir doch froh, dass nicht wir all die Arbeiten erledigen müssen, für die wir uns zu gut fühlen, wie z.B. Putzarbeiten in Spitälern, Hotels oder in öffentlichen Gebäuden etc.

So ziemlich das Eindrücklichste, was ich erlebt habe und mir auch sehr zu denken gab, war während der Kriegszeit im ehemaligen Jugoslawien. Zu dieser Zeit besuchten zwei Jungs, der eine ein Serbe und der andere ein Kroate, die gleiche Schulklasse wie ich. Die beiden verprügelten sich täglich. Da sagte z.B. der eine zum anderen: „Gestern habt ihr Serben wieder einen Angriff auf uns Kroaten getätigt!“ Danach begann er den Serben zu verprügeln. Am nächsten Tag war es der Serben-Knabe der den Kampf eröffnete. Das ging so hin und her, je nach Nachrichten aus dem Fernseher, dem Radio oder der Zeitung. So ging es immer weiter und weiter, was mir doch sehr zu denken gab, denn da verteidigten zwei Jugendliche ihr Heimatland ausschließlich mit Gewalt. Man spürte wie ihnen die Situation in ihrer Heimat zu schaffen machte. Wohl hatten sie noch Verwandte im Krisengebiet. Warum kannten sie nur die Sprache der Gewalt? Solche Situationen sind schwierig. Es scheint mir wichtig, dass man die Augen davor nicht verschließt. Die Lehrer hätten im erwähnten Fall eigentlich versuchen sollen zu schlichten, die Jugendlichen lehren miteinander zu reden und einander zu zuhören. Warum kam niemand auf die Idee, die Problematik gemeinsam mit Eltern, Schülern, Lehrern etc. zu besprechen.

Obschon ich der Meinung bin, dass die Erziehung Sache der Eltern ist und nicht primär die Aufgabe von Kinderkrippen und Schulen, handelt es sich doch um ein sehr  spezielles Phänomen. Was muss in einem Menschen vorgehen, wenn er in einem Entwicklungsland einen Hollywood-Film zu sehen bekommt, in dem mit teuren Autos herumgefahren und ein technisches, hoch entwickeltes Niveau gezeigt wird. Diese Menschen träumen davon, in Industriestaaten wie die Schweiz einzuwandern, um an diesem traumhaften Lebensstandard teilhaben zu können. Unser Wohlstand lockt so viele Immigranten an. Wir würden wohl auch versuchen, dorthin auszuwandern, wo es für uns eine bessere Zukunft und ein schöneres Leben gibt. Es gibt aber auch das Gegenteil: Das hohe Preisniveau in der Schweiz (steigende Gesundheits- und Wohnkosten, Steuern), verleiten nicht wenige SchweizerInnen zum Auswandern. Für Emigranten, (Auslandschweizer) sind vor allem Frankreich, Spanien und Kanada beliebte Destinationen. Es gab aber auch Zeiten, wo Leute aus wirtschaftlicher Not keine andere Chance hatten als auszuwandern, weil es in vielen Landesteilen zu wenige Erwerbsmöglichkeiten gab. Die Gemeinden hatten große Mühe, die Versorgung  ihrer BürgerInnen zu gewährleisten. So ermutigten sie EinwohnerInnen, nach Amerika auszuwandern und bezahlten ihnen sogar die Reisekosten.

Wo es Geld zu verteilen gibt, bleiben auch Missbräuche nicht aus. So soll es scheinbar ImmigrantInnen geben, die darauf aus sind, in der Schweiz eine IV-Rente zu ergattern. Von Hausärzten wurde auf diese Problematik hingewiesen. Ihnen wurde zum Teil sogar mit Gewalt gedroht, wenn sie die IV-Rente nicht im Sinne der ImmigrantInnen beantragen. Laut Medienberichten soll es aus diesem Grund auch schon zu Gewaltakten in Arztpraxen gekommen sein, was dann schlussendlich zur Aufgabe der Hausärzte geführt hat.

Ich hoffe sehr, dass die ständig zunehmende Globalisierung zu einer gerechteren Verteilung der Ressourcen und vor allem zu mehr Menschlichkeit führt. Elementare Grundrechte wie genügend Nahrung und gesundes Wasser sollten eine Selbstverständlichkeit werden. Der Weg der dazu führt ist jedoch sehr lang, voller Hindernisse und muss oft erst geebnet werden. Doch es sind die kleinen Schritte auf die es ankommt. Sie beginnen u.a. im zwischenmenschlichen Bereich. Es sind nicht nur „die da oben die sollten“, sondern jeder Einzelne kann etwas für eine bessere Welt beitragen. Wir sind eine Informationsgesellschaft. Berge von Wissen haben wir angehäuft. Dabei haben wir aber eines vernachlässigt: Einander zuzuhören, zu respektieren und miteinander zu kommunizieren. Beginnen wir doch mit Üben: Wie wär’s, wenn wir morgen im Zug, Bus oder auf der Strasse einem „Fremden“ begegnen und „guten Tag“ zu ihm sagen würden?

Markus Hänni

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